Online seit 01.09.2009

"Indian Reservation Blues and more"
(2009)

Bei JPC bestellen!

Ein dickes Set hat mir 20$Bill da in die Hand gedrückt, und, na ja, zugegebenermaßen ungern habe ich's zunächst mal mitgenommen als ich den indianischen Krieger auf der Frontseite sah.
Denn da dachte ich erst mal an eine - diesmal akkustische - Neuauflage dieses New Age- / Esoterik-Gesülzes á la "Der Weg des Soundso-Neunmalklugen", was dann meist dazu führt, daß Scharlatane genau das Gegenteil machen von dem, was sie anpreisen, nämlich nicht helfen, sondern die Gutgläubigen dumm-dreist abzocken.

Bitte nicht falsch verstehen: In dieser mittlerweile nicht mehr überschaubaren Szene gibt es natürlich auch die ein oder andere Perle, die man aber lange suchen muß ...

Ohne zu suchen und völlig überraschend bin ich mit der vorliegenden Compilation nun auf eine solche Perle gestoßen.

"Indian Reservation Blues and more" ist eine ganz wunderbare und brachtvolle Hommage an das indianische Erbe und enthält eine stilistisch weitgespannte Sammlung der aktuellen populären indianischen Musik aus den USA und Kanada, Blues basiert, aber modern und durch die Integration von Elementen aus Country bis hin zu Rock und sogar HipHop äußerst vielfältig ...

Die umfassende Box enthält drei CD's mit rund drei Stunden Musik von 33 Künstlern, 30 Minuten Videomaterial und ein 48seitiges Booklet und ist ein wahrer Leckerbissen.

Für den Großteil dieser Musik halte ich eine eigene Bezeichnung wie
"Indian Native Blues" für durchaus angebracht, da ganz spezifische ethnische Merkmale, in unterschiedlicher Ausprägung und Mischung, immer wieder vorzufinden sind:

- Es herrscht eine, mehr oder weniger stark empfindbare, Grundstimmung der Traurigkeit und der - historisch vollständig berechtigten - Anklage vor.
- Uralte indianische Werte und Themen kehren immer wieder und finden ihren natürlichen, lebendigen und oft stark emotionalen Ausdruck: Aufrichtigkeit, Naturverbundenheit (Mother Earth, die man in ihrem Verständnis niemals besitzen kann), Stolz, Brüderlichkeit und ... natürlich: Genozid und Reservation ...
- Viele der Künstler verfügen über starke Ausstrahlung und Ausdrucksvermögen, die sicher in der stark verwurzelten indianischen Spiritualität ihre Wurzel hat.

Man kann diese Musik nur schwer beschreiben. Man muß sie hören und sich Zeit nehmen dafür ...

Ohne dass ich in irgendeiner Form Wertungen vornehmen will, möchte ich doch auf einige der Stücke und Künstler besonders hinweisen, auch, um obige Anmerkungen der mehr generellen Art evtl. etwas stärker konkrete Form zu geben.
Es soll damit in keiner Weise eine Herabsetzung der Nichterwähnten stattfinden.
 
-
Aaron White ist in der Compilation gleich viermal und mit verschiedenen Bestzungen vertreten (u.a. einmal mit dem Ex-Doors-Drummer John Densmore). Er ist ein ganz ausgezeichneter Gitarrist und Songwriter, der auf sehr eigentümliche und berührende Weise traditionelle Navajo-(Flöten)Melodien und deren archaischen Gesang mit Blues, Country und Rock verknüpft und dabei mehr auf sparsame Instrumentierung setzt.
Man höre sich insbesondere mal das kleine feine Folkrock-Stückchen
"John Doe" seines Blue Stone Projects an mit seinen schönen kehligen, klagenden Vocals ...

John Doe & Aaron White!


- In
"Trail of Tears" thematisiert Wayne Lavalee eindrucksvoll eins der größten indianischen Traumata, das 1830 durch die gewaltsame Vertreibung der Cherokee- und andere Indianer entstand zugunsten der massenhaft ins Land einwandernden weißen Siedler: herrlich die farbig-melancholischen Gitarren-Klänge und die folkigen mehrstimmigen Vocals ...
Und das balladenhafte und hoffnungsvolle "Shed Allot of Light" mit den kehligen und vibrierenden Background Vocals steht dem in nichts nach ...

-
Keith Secola, mit vier Stücken vertreten, gewann bereits sieben mal den sogenannten "NAMMY" (Native American Music Awards), was allein schon für sich spricht.

keith Secola!

Im "Walking Blues" feuert er ein schneidend-hartes E-Guitar-Intro ab, das in schwere Rock-Rhythmen mündet, zu denen sich melancholische und verloren klingende Solo Vocals gesellen, die merkwürdig dazu im Kontrast stehen und aus denen sich schließlich enthusiastischer mehrstimmiger Gesang erhebt, der gleichermaßen kraft- wie leidvoll wirkt ... very native.

"4R Ancestors" startet mit zauberhaft-sphärischer Pan-Flöte, Storytelling mit einer Art Sprechgesang setzt ein, bis alles in einen typisch indianischen tranceartigen Chorgesang mündet ...
Und der "Kokopelli Blues" ist eines der schönsten Midtempo Accustic-Guitar-Stücke mit Vocals, das ich je gehört habe ...

- Oder
Paul Ortega, der Mescalero-Apache und Medizinmann aus New Mexico, und sein leidvolles "Chicago": going from reservation to the big city looking for survival ...
Mit sparsamer Akkustik-Gitarre und langgezogenem Klage ähnlichem Sound der Vocals wird dieser Song vorgetragen . eindringlich.

- Und
George Leach, der junge Kanadier muß unbedingt Erwähnung finden: Mit "Dizzy Dog" präsentiert er uns Bluesrock der allerfeinsten Art, locker treibend und pulsierend, mit dem "Indian Blues" dann langsames ausdrucksstarkes Spiel mit sparsamer Gitarre und schönen Slide-Einlagen, die tolle Kombination eines typischen Blues verbunden mit indianischem Ausdruck via Vocals.

- Und Indigenous (!) mit dem jungen talentierten Gitarristen Mato Nanji: Ihr "Leaving" ist ein Heavy Blues, der schwerer kaum sein kann, mit fast brachialen Soli und trotzdem schön. Öfter mal kommt Jimi H. und - weiter entfernt - SVR hoch, ohne daß sie aber nur kopiert werden.

- Unbedingt auch
Pura Fe' (featuring Leilani und "Prophecy") ist zu nennen mit ihrem melodisch-treibendem Folkpop und tollem HipHop artigem Sprechgesang in "Stand up for Human Pride".

Pura Fe`


- Und
Cary Morin ... und Sandy Scofield ... und Charly Lowry . und die Jason Burnstick Band ... und Gary Farmer & The Troublemakers .

Und jetzt werde ich aufhören, weil ich ansonsten gleich alle nennen kann ...

Ich kann "Indian Reservation Blues and more" nur eindringlich empfehlen!

Ihr erhaltet mit dem Set nicht nur wunderbare Musik in einer aufwändig gestalteten Box. NEIN! ... ihr erhaltet eine, meiner Kenntnis nach, in dieser Form und Klasse bisher einmalige und geradezu monumentale Dokumentation des musikalischen Erbes der amerikanischen Ureinwohner incl. seiner Weiterentwicklung bis in die Gegenwart!

Dem Hause
Dixiefrog sowie den Künstlern spreche ich für die Realisierung dieses einzigartigen Projekts meinen größte Hochachtung aus.

Danke an Moritz von "Gordeonmusic" für die Zurverfügungstellung der CD!!!

Herzlichen Dank!

Euer

Jörg Hatzmann