
Online seit 04.06.2009
Richie Arndt
"Train Stories"
Release-Date: 05.06.2009

Das letzte Projekt von Richie Arndt & seinen Bluenatics "Rorymania" hatte mich schon begeistert: Diese so gelungene Hommage an Rory Gallagher, realisiert zusammen mit einigen der Créme dé la Créme deutscher Blues-Gitarristen - Henrik Freischlader, Gregor Hilden, Alex Conti -, die es auf wirklich unnachahmliche Art und Weise vermochten, Rory geradezu zu zelebrieren mit einem herrlichen Querschnitt bekannter, aber auch selten gespielter Nummern, denen sie alle ihren je eigenen Stempel aufdrückten!!!

Dem lässt Richie nun eine nicht minder ehrgeizige Einspielung folgen, ebenfalls mit einem übergeordneten - noch breiteren - Thema, nämlich seinem musikalischen Lieblingsgenre, Train Songs und Stories zu huldigen. Dies ist ebenfalls eine Hommage, und es ist eine - neben der musikalischen Klasse, die zu erwarten war - eigenartige und wunderbare noch dazu.

Die erste, "Songs" benannte, CD enthält mit 14 Train Songs einen breiten Querschnitt unterschiedlichster Provenienz: Traditionals von alten Bluesern finden sich hier ebenso wie Stücke aus den 60ern/70ern und auch solche aus der Feder von Richie Arndt selbst. Zweifellos werden die alle sehr kompetent und klasse laid back vorgetragen, von ihm und seinen bekannten Bluenatics + Gästen, die da sind Kellie Rucker (voc, harp), Manfred Leuchter (accordion), Werner Lauscher (ac-b) und Marlon Klein (perc). Sie begeistern mich einzig und alleine nur deshalb noch nicht, da ich kein ausgesprochener Freund dieser ihnen meist innewohnenden speziellen Hobo-Melancholie bin.
Meine Hochachtung spreche ich Richie Arndt dann uneingeschränkt aus für die Leistung, die er auf der zweiten CD mit dem Namen "Stories" abliefert. Anstatt den "Train Stories" nämlich ein umfangreiches Booklet beizulegen, welches sich mit der Entwicklung dieses Genres beschäftigt, wird hier eine Art Hörbuch derselben geboten, ein Booklet zum Hören sozusagen.
Und wie das Richie macht - mit einer bildhaften Sprache, spannend erzählend, einen großen Bogen schlagend vom 19. Jahrhundert bis heute, immer wieder durch musikalische Beispiele illustriert und mit angenehmer Stimme -: Das ist große Klasse !
In Europa gab es, so erfahren wir etwa, begründetermaßen keine Train Songs und Stories (eine mickrige kleine schwäbische Eisenbahn können wir dabei getrost unter den Tisch fallen lassen), denn es gab Straßen, eine funktionierende Infrastruktur.

In Amerika fanden die Aussiedler - in großem Umfang übrigens Iren - ein straßenloses Land vor, und mit dem schon bald gestarteten Unternehmen Frontier (Grenzverschiebung Richtung Westen) und dem sich entwickelnden Frontier Spirit wurden riesige Flächen besiedelt und erschlossen. Und in diesem Zusammenhang spielte der Bau der Eisenbahn eine ganz zentrale Rolle, und es war wohl eine spezifische Mischung aus knochenharter Arbeit, Einsamkeit, Heimatlosigkeit und wohl dann auch im Gefolge Melancholie, die dazu führte, entsprechende Songs zu schaffen und zu spielen, zur Kompensation erlittenen Leids sozusagen ... Train Songs.
Und schon zu Beginn seines eindringlichen Vortrags spürt man: Die Geschichte der Train Songs wird zugleich auch eine Geschichte des Blues werden.
Nicht ausschließlich jedoch: Auch in Gospels und Spirituals schon des 19. Jahrhunderts fahren Züge. Hier sind sie Symbol für eine Reise in die richtige Richtung der Aufrichtigkeit und des Glaubens, und nur ebensolche Menschen dürfen mitfahren ...
Im Blues dagegen steigt man in den Zug, um mit ihm alles hinter sich zu lassen oder die Geliebte, von der man sich auch geliebt glaubte, fährt in ihm für immer davon ...
Unwillkürlich kommt mir da Robert Johnson in den Sinn und sein wundervolles, so berührendes "Love in Vain" von 1937:
"Well, I followed her to the station with a suitcase in my hand,
Yeah, I followed her to the station with a suitcase in my hand,
Well, its hard to tell, its hard to tell, but all true loves in vain.
When the train come in the station I looked her in the eye,
Well, the train come in the station I looked her in the eye,
Well, I felt so sad and lonesome that I could not help but cry.
When the train left the station, it had two lights on behind,
Well, the blue light was my baby and the red light was my mind.
All my loves in vain.
All, all my loves in vain." .
Eine spezielle Form der Train Songs ist der Hobo Blues, entstanden im Umfeld der Hobos, jener Wanderarbeiter, die - sich unter Züge klemmend - schwarzfuhren und von den Schaffnern brutal verfolgt wurden, nicht selten mit dem Tod bezahlend: In ihm werden die besonders tiefen Narben dieser Seelen in verrohter Umgebung thematisiert, die Schmerzen der Heimatlosigkeit, ihre schweren Schicksale...
Und immer wieder versteht es Richie Arndt, seine Erzählung sehr trefflich durch musikalische Beispiele zu illustrieren und von einer anderen Seite begreifbar zu machen: mit eben dem herrlich vorgetragenen "Hobo Blues" vom guten alten John Lee Hooker etwa oder dem famosen "Hear My Train A Coming" von Jimi Hendrix oder dem intensiven "How Long, how Long Blues" vom großen Leroy Carr, der von Robert Johnson so sehr bewundert wurde (!), aus dem Jahr 1928 ...
Er vergisst auch nicht, an die für die schwarzen Blueser so wichtigen 30er und 40er Jahre zu erinnern, als mobile Aufnahmeteams sie - in oft mühsamer Sisyphusarbeit, allen voran Allen Lomax für das amerikanische Nationalarchiv - aufspürten, um mit ihnen erste Aufnahmen zu machen, wodurch der Blues langsam publik gemacht wurde. Das allerdings hatte erst Jahre später und auch nur für wenige und für die meist erst gegen Ende ihrer Existenz eine Verbesserung ihrer Lebensumstände zur Folge ...

Allein die Geschichte vom wilden Huddie Leadbetter, genannt Leadbelly, so erscheint es, wäre eine eigene Abhandlung wert, so interessant und obskur wirkt sie ...
Mit dem Verschwinden der Dampfloks und deren Romantik scheint auch das Ende für die Train Songs gekommen. Rock & Roll und die Romantik der Highways ("Route 66") dominieren zwischenzeitlich. Doch scheint dies nur ein episodisches Zwischenspiel gewesen zu sein, denn schon Anfang der 60er Jahre kommt es zum Revival, vor allem in Verbindung mit dem Aufkommen des American Folk und später Folk- und Country-Rock und findet seinen Niederschlag in so schönen Stücken wie z. B. "Marrakesh Express".
Und natürlich erweist Richie seinem "Leib- und Magen-Gitarristen" seine höchst achtungsvolle Referenz: "der irischen Gitarren-Legende" Rory Gallagher, und er bringt - neben einer kleinen Instrumentenlehre - eine feine Version seines "Empire State Express", sehr schön und ausdruckstark und so wunderbar skurril auch:
"Der Zug schnappt Dir Deine Freundin weg
und wirft schwarzen Rauch zurück auf Dich ..."
Und mit der Verneigung vor einer weiteren Legende beschließt Richie dann seine Train Stories-Reise, nämlich vor Johnny Cash, von dem er eine weitere "Küchen-Aufnahme" zitiert, Johnnys "Down By The Train", mit dem wieder das religiöse Motiv in den Vordergrund rückt: Die Zugfahrt gleicht einer Fahrt ins Jenseits, wodurch alle irdischen Sünden weggewaschen werden und alle ihren Frieden finden können.
"Das Betrachten und Räsonieren über die Schmuckstücke einer schönen Sammlung hat seinen eigenen Reiz", sagt Richie Arndt zum Abschluß. "Dampfloks und Raucher wie ich sind ausrangierte Modelle, aber sie haben zumeist etwas, was vielen modernen Geräten und Menschen fehlt: Sie haben noch Geschichten zu erzählen."
Wie wahr, Richie Arndt!
Und Du kannst nicht nur Geschichten erzählen. Du kannst auch Geschichte erzählen!
Euer
Jörg Hatzmann