
eclipsed - Rock Magazin
Ausgabe Nr. 74 - Juli/August 2005-



RORY GALLAGHER - Der Mann von nebenan
Rory Gallagher hatte nur ein Interesse: seine Musik. In den 60ern, in der Ära des Glam Rock und auch in den 80ern war sein Bühnenoutfit mehr als schlicht: ausgewaschene Jeans, ein Baumwollhemd und Turnschuhe. Der Antistar starb vor zehn Jahren an den Folgen einer Lebertransplantation. Was bleibt, ist sein Vermächtnis aus zeitlos-intensiven Songs.
Rory Gallagher wurde am 02.03.1949 im irischen Ballyshannon, County Donegal, geboren. Aufgewachsen ist er in Cork. Schon früh interessierte er sich für Musik. Rory hörte vor allem amerikanische Sender, die neben Rock´n Roll viel Blues spielten: Muddy Waters, Buddy Guy und Sonny Boy Williamson gehörten zu den Interpreten, die den jungen Musiker, der mit neun seine erste Gitarre bekam, prägten. Aber auch die regionale Musik gehörten zu Gallaghers Einflüssen. Noch Jahre später sollte man Spuren des irischen Liedguts wieder finden, sogar bei seinen Hardrock-Titeln. Mit zwölf konnte sich der aufstrebende Gitarrist seine erste Fender Stratocaster leisten. Das Geld hatte er bei einem Talentwettbewerb gewonnen. Der Marke Fender sollte er bis an sein Lebensende treu bleiben.
Erst Erfahrungen im Business machte Rory mit so genannten Showbands, die mit heutigen Top-40-Combos zu verleichen sind. The Impact und die Fontana Showband waren die ersten Stationen seiner Laufbahn als Profi, doch erst die Gründung der Gruppe Taste, mit der er zunächst vor allem Coverversionen spielte, befriedigte seine musikalischen Vorlieben. Nach einer Umbesetzung, Bassist Richard McCracken und Schlagzeuger John Wilson stießen dazu, ging es deutlich aufwärts. Auf den Alben "Taste" und "On The Boards" zeigte das Trio, dass knallharter Blues in Kombination mit gefühlvollen Riffs durchaus wirkungsvoll ist. "Sugar Mama", "Blister On The Moon", "Whats Going On" und das Paradebeispiel für jeden Slice-Gitarristen. "Eat My Words", begeisterten sogar das anspruchsvolle englische Publikum, das Taste 1970 beim Isle-Of-Wight-Festival frenetische feierte. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten löste sich die Band aber schon am Ende desselben Jahres auf. McCracken und Wilson gründeten Stud, eine Heavy-Blues-Progressive-Formation, mit der sie die brillanten, aber kaum beacheten Alben "Stud" (1971), "September" (1972) und "Goodbye: Live At The Command" (1973) veröffentlichen. Rory Gallagher besann sich seiner Blueswurzeln und spielte 1971 sein nach ihm benanntes Solodebüt ein. Erste Eigenkompositionen zeigten die Dimensionen der Musik - Blues, Bluesrock, Folk, ein wenig Jazz und viele Titel, die er auf der Akustischen einspielte. Die Auftritte der folgenden Jahre sollten - lange vor "MTV-unplugged" - immer einen Akustik-Set enthalten.
Was unterschied den Musiker von all den hochkarätigen Blues-Adepten der damaligen Zeit? Zuerst einmal der individuelle Sound. Leute wie Eric Clapton, Jeff Beck oder Peter Green bevorzugten die Gibson Les Paul oder Peter Green bevorzugten die Gibson Les Paul und Marshall-Verstärker, Gallagher spielte eine Stratocaster über eine Vox AC 30. In den frühen Siebzigern experimentierten viele Gitarristen mit diversen Effekten, bei Gallagher waren solche Geräte verpönt. Er konzentrierte sich auf die Suche nach dem gewissen Ton, der eigenen Note, die ihn von allen anderen unterscheiden sollte. In Bezug auf die eigenen Kompositionen hatte er den Vorteil der irischen Herkunft: Seine Vorbilder und Einflüsse deckten sich nur zum Teil mit denen der britischen Musikerelite, so dass seine Songs immer gewisse außerbritische Elemente enthielten. Nach weiteren brillanten Platten veröffentlichte der Gitarrist und Sänger "Irish Tour ´74", ein Werk, das bis heute zu den besten Livealben der Rockgeschichte zählt. 1977 wurde die erste "Rockpalast"-Nacht ausgestrahlt. Mit dabei: Rory Gallagher, der in der Zwischenzeit das Angebot abgelehnt hatte, den vakanten Gitarrenposten bei den Rolling Stones zu besetzen. Er zog bereits selbst das Publikum in seinen Bann. Europa war bereit für seine energetische Musik.
Mit Releases wie "Calling Card" (1975) und "Top Priority" (1979) wurde er zunehmend härter, auf "Stage Struck" (1980) gibt es weder fürs Publikum, noch für seine Musiker eine Verschnaufpause. In den 80ern veröffentlichte Gallagher mit "Defender" sein erstes "fragwürdiges" Album, das stellenweise schlapp und lustlos klingt. Depressionen, die mit Medikamenten behandelt werden mussten, und Gallaghers immenser Guinness-Konsum forderten ihren Tribut. 1990 gelang es ihm noch, die durchwachsene Platte "Fresh Evidence" einzuspielen, doch danach hinderten ihn zunehmend gesundheitliche Probleme. Am 14. Juni 1995 starb Rory Gallagher. Sein Vermächtnis wird von seinem Bruder Donal verwaltet, der die Wiederveröffentlichung einzelner Alben überwacht.
